Von Josef Hiebaum, Oktober 2025
Vor kurzem las ich einen Artikel über einen bekannten Schauspieler, der den Alltag als „Sau“ bezeichnete. Er meinte damit, dass der Alltag gute Vorsätze, bewusstes Leben und Erleben, aber auch die Umsetzung wichtiger Werte verunmöglicht. Ich denke, wir alle können in diese Sicht ein wenig mit einstimmen, obgleich mich dieser Vergleich nicht nur zum Schmunzeln, sondern auch zum Nachdenken brachte.
Ich möchte zu bedenken geben, dass alles zwei Seiten hat – Schweine wälzen sich zwar gerne im Dreck, sie sind insgesamt jedoch sehr reinliche Tiere und trennen strikt ihren Futterplatz von ihrer Toilette.
Es stimmt, der Alltag kann uns erdrücken, kann uns durch die Schnelligkeit von Ereignissen treiben, kann uns auf vielfache Art an unsere Grenzen bringen, und uns dadurch davon abhalten, Situationen besser zu bewältigen. Aber er kann uns auch den Raum bieten, langsam zu wachsen, uns Zeiten des „nix leisten Müssens“ schenken, wo wir uns Dingen widmen können, die uns wieder Neues entdecken lassen.
Somit ist der Alltag nicht nur negativ, sondern er bietet auch positive Aspekte, auf die ich heute blicken möchte.
Ein Mensch der die Banalität, die Tücken, die Beschwernisse und die Hektik zu meistern versteht, gilt auch vielerorts als weise. Im religiösen Kontext spricht man beim Alltag oft vom Weg zur Heiligkeit, zur Hingabe, oder dem Weg zur Reinigung.
Wie kann ich nun beginnen, das Wertvolle zu bergen und vom Alltag nicht aufgerieben zu werden?
Grundsätzlich stellt sich auch im Alltag die Frage nach der Perspektive. Ist „alles“ schlecht, oder neige ich zur Verallgemeinerung? Habe ich auch das Gute, das mir widerfährt, im Blick oder liegt mein Fokus mehr auf dem, was mir heute nicht so sehr gelungen ist. Hier hilft es, sich am Abend in Erinnerung zu rufen, was an diesem Tag gut war oder was man lernen durfte. Niedergeschrieben z.B. in einem Dankbarkeitstagebuch sammle ich hier in kurzer Zeit wunderbare Perlen des Alltags. Ich bin überzeugt, jeden Tag findet sich etwas, wofür man dankbar sein kann.
Eine weitere Möglichkeit den Alltag anders zu erleben, bietet der Ansatz des bewussten Gestaltens. Nicht einfach nur „gelebt“ zu werden, sondern in den Momenten wo es möglich ist, auch bewusst das Ruder in die Hand zu nehmen und in eine bestimmte Richtung zu steuern. Durch die erfahrene Selbstwirksamkeit wird der Alltag nicht mehr ganz so trostlos erlebt.
Es sind oft einfache Dinge, um den Alltag bewusst zu durchbrechen, – mit einem Kuchen, den man in die Arbeit mitbringt, oder eine neue Kaffeetasse mit einem lustigen oder erbauenden Spruch darauf zu verwenden. Jemandem einen Witz erzählen, morgens ein Zitat von weisen Menschen lesen oder einen kurzen Podcast hören und die Gedanken tagsüber umzusetzen und in den Alltag zu integrieren. Pausen zu nützen, um spazieren zu gehen, anstatt in den sozialen Medien zu verschwinden lässt uns am realen Leben teilhaben und hält uns lebendig. Sich mit etwas beschäftigen, was einen interessiert, sich wieder dem Hobby zuwenden, all das kann in den langweiligen Phasen des Alltags belebt und wiederentdeckt werden.
Im Zug oder im Bus bewusst Menschen mit ihren Fähigkeiten und ihrer Schrulligkeit wahrzunehmen und darüber zu staunen, anstatt sich zu ärgern oder zu vergleichen. Vielleicht auch gleich die Eindrücke in einem Bild oder einem Text festhalten.
Der triste Alltag kann aber auch durchbrochen werden, wenn ich Hilfe annehme, wenn sie angeboten wird oder selbst andere unterstütze, auch wenn dies bedeuten würde, aus meiner Komfortzone zu treten.
Wenn wir den Alltag nicht als Gegner, sondern als steten Begleiter sehen, der uns Struktur gibt, fällt es uns vielleicht leichter im Alltag zu reifen, ohne uns zu langweilen oder aufgerieben zu werden. – Lasst uns heute damit anfangen!
„Kein Mensch und kein Schicksal lässt sich mit einem anderen vergleichen, keine Situation wiederholt sich. Und in jeder Situation ist der Mensch zu anderem Verhalten aufgerufen.“
Viktor E. Frankl
Trotzdem ja zum Leben sagen