„Die vollen Scheunen“

Von Markus Traxl, November 2025

Viktor E. Frankl hat uns mit den „vollen Scheunen“ ein großes Geschenk gemacht. Er schreibt „Alles Gelebte, Erfahrene ist unverlierbar geborgen in den vollen Scheunen der Vergangenheit“. Das heißt, es geht um einen Blickwinkel auf unser Leben – ein bewusstes Hinschauen auf alles, was wir erleben, gestalten, aber auch auf alles, was uns widerfährt.

Das ist nicht immer angenehm, kann aber bei bewusstem Hinschauen erfüllend sein. Was meine ich damit – schau einmal von der Früh weg bis zum Abend bewusst auf deinen Tag (wir sprechen da von einem normalen Tag, in vielen Leben, der durch keine großen, existentiellen Fragen getrübt ist).

Wie bewusst gehe ich durch den Tag, was erlebe ich und wie nehme ich das wahr? Man sagt, je älter man wird, umso schneller vergehen die Jahre. Ich kann das bestätigen, ich bin jetzt 56 und die Tage, Monate und Jahre fliegen an mir vorbei. Können wir die Geschwindigkeit herunterschalten – möglicherweise, aber die Logotherapie hat keine Rezepte. Was jeder und jede tun kann, ist die Wahrnehmung und die Qualität des Erlebten zu erhöhen. Ich habe dazu ein Experiment begonnen und versuche die Eindrücke einzelner Tagen besser und bewusster wahrzunehmen.

Das können unterschiedliche einfache Beobachtungen sein

  • Das Spüren des eigenen Körpers – beim Strecken und Dehnen in der Früh, beim bewussten Gehen
  • Das nette Gespräch (das wir immer beeinflussen können, durch die Art, wie wir anderen begegnen und wie wir uns bewusst auf unser Gegenüber einlassen)
  • Die Pausen zwischendurch, möglicherweise auch mit einem Luftschnappen am offenen Fenster, auch wenn wir nur kurz Aufstehen und uns bewegen
  • Die Freude über einen guten Termin, ein anregendes Gespräch, eine Begegnung in der Stadt
  • Ein Spaziergang in der Natur
  • Das Telefonat am Abend mit einer Freundin
  • Ein guter Zeitungsartikel oder ein spannendes Buch

Natürlich gibt es auch andere Tage mit Sorgen, mit großen Herausforderungen oder auch einfach „Scheißentage“ (frei nach Ernst Jandl, wo gar nichts klappt). Aber ich habe erkannt, dass viele kleine Begebenheiten und Wahrnehmungen den Tag durchweben.

Und um genau diese geht es. Das Schöne ist, wir können uns jeden Tag vornehmen, heute aufmerksam zu sein, was in die vollen Scheunen gepackt werden kann, und mit der Zeit erarbeiten wir uns einen wahren Schatz mit einer großen Fülle.

Auch Unangenehmes hat hier seinen Platz. Ich kann es in meiner vollen Scheune in eine Kiste packen, damit ich mir an den Scherben meiner Vergangenheit nicht immer wieder in die Finger steche.

Ich lade dich ein, an deinen vollen Scheunen zu arbeiten und dich daran zu erfreuen. Schau einmal einen oder wenige Tage bewusst auf Deinen Tag – auf die Routinen, die Gespräche, möglicherweise kleinen, unerwartete Geschenke, schau was du durch dein Agieren und Verhalten bewirken kannst und schreib es auf. Ich bin überzeugt mit etwas Übung findest du ganz viele Schätze und Kostbarkeiten und die landen dann in deiner vollen Scheune, die sich stetig zu einer Schatzkiste entwickelt.

Fang morgen an!

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